Attraktivität zieht Kriminalität an
Ulm. Die Straftaten insgesamt gehen seit Jahren zurück, die Gewalttaten aber steigen an. Ulms Polizeichef mahnte bei einer CDU-Veranstaltung angesichts des differenzierten Bildes zu Augenmaß bei Sicherheitsfragen.
90 Minuten Politik heißt eine Reihe der Ulmer CDU, und 90 Minuten ging es am Dienstagabend um die Sicherheit in der Stadt. Ein sehr sensibles Thema, wie Ulms Polizeichef Karl-Heinz Keller sagte, der die gut zwei Dutzend Anwesenden bei der Debatte um Sicherheitsfragen zu Augenmaß mahnte, ehe er mit Zahlen und Fakten die Lage erklärte. Überzeichnungen und Übertreibungen jedenfalls seien nicht gut, schürten sie doch nur Angst und erzeugten mithin das Gegenteil dessen, was man bewirken wolle.
Einfache Lösungen und schnelle Antworten gebe es nicht, dazu sei das Thema zu komplex, zumal es bei der Frage, wie es um das Sicherheitsgefühl der Menschen bestellt sei, auch darauf ankomme, dass die Bevölkerung immer älter werde. Das habe insofern Auswirkungen, als ältere Menschen wesentlich ängstlicher seien als jüngere und auf mehr Sicherheit bedacht. Es könne also die paradoxe Situation eintreten, sagte Keller, dass die objektiv messbare Gefährdungslage immer besser werde, das Sicherheitsgefühl der Menschen aber schlechter.
Tatsächlich werden seit Jahren immer weniger Straftaten von der Polizei aufgenommen. Seit 2005 entwickele sich die Kriminalstatistik zurück, wobei es aber durchaus gegensätzliche Entwicklungen gebe. Während beispielsweise die Sexualstraftaten in den zurückliegenden zehn Jahren um 15 Prozent (bei Vergewaltigungen sogar um die Hälfte) abgenommen haben, die des schweren Diebstahls um 37 Prozent und die Sachbeschädigungen sogar um 46 Prozent, stiegen im selben Zeitraum die Betrugsfälle um 62 Prozent und die Rohheitsdelikte einschließlich Gewalt um 47 Prozent.
Auch bei der Straßenkriminalität, also all jenen Delikten, die im öffentlichen Raum stattfinden und somit sichtbar sind, gibt es differenziertes Bild: Abnahme bis 2007, und seither wieder eine Zunahme. Ein ähnliches Bild gebe es bei den Körperverletzungen, die bis 2007 gestiegen sind, 2008 abnahmen, und 2009 wohl wieder leicht zunehmen werden. Für Keller sind das Zahlen, die ein genaues Hinsehen erfordern, eine seriöse Analyse und eine umfassende Erklärung.
So sei unübersehbar, dass die Stadt - übrigens von allen gewollt - in den zurückliegenden Jahren deutlich attraktiver geworden ist, was auch zur ökonomischen Sicherheit beigetragen habe. Eine Zahl aber verdeutliche auch die Entwicklung, warum bestimmte Delikte in der Stadt zunehmen, während sie auf dem flachen Land immer seltener vorkommen. 52 Prozent aller in Ulm ermittelten Täter wohnen nicht in der Stadt, sondern kommen von außerhalb.
In diesem Zusammenhang verweist Keller auf eine politische Konstellation, für die er kein Verständnis habe. So habe die CDU-FDP-Landesregierung zwar beschlossen, dass ab 22 Uhr an Tankstellen und im Hauptbahnhof kein Alkohol mehr verkauft werden darf. Andererseits aber hat dieselbe Regierung im Gegenzug die Sperrzeit vom kommenden Jahr an auf nurmehr eine einzige Stunde reduziert. "Die Stadt kommt nicht mehr zur Ruhe", sagt dazu Kriminaldirektor Keller, der das politisch nicht bewerten möchte. Für ihn aber steht außer Frage, dass durch die längeren Öffnungszeiten von Gaststätten und Diskotheken die Tatgelegenheiten zunehmen werden - und mithin auch die Straftaten.
SWP online vom 4.12.09 |